Irgendwann in den kommenden Jahrzehnten, vielleicht auch schon übermorgen, wird ein seltsamer Moment eintreten: Die Menschheit hat gelernt, alles richtig zu machen. Jeder kann alles. Jeder schreibt wie ein Autor, malt wie ein Meister, rechnet wie ein Mathematiker. Ein ganzes Zeitalter der Perfektion, pünktlich um 9 Uhr morgens online. Und plötzlich stellt sich eine merkwürdige Stille ein. Die Welt funktioniert – aber niemand weiß mehr, wofür. Die Wirtschaft hat gewonnen, der Mensch hat frei. Und das ist, paradox genug, der Moment, in dem die Geschichte vielleicht erst anfängt.
Die Menschheit war lange Zeit eine Art Werkstattwesen. Wir bauten, horteten, feilten. Unsere Identität war der Beruf, unser Selbstwert der Stundenzettel. Jetzt, wo künstliche Intelligenz die Werkbank übernommen hat, wo Texte, Pläne und Logos auf Knopfdruck entstehen, fällt etwas weg, das wir nie infrage gestellt haben: die Notwendigkeit, etwas leisten zu müssen, um etwas zu sein. Es könnte sein, dass wir uns jetzt selbst begegnen:
– nackt, ohne Funktion, ohne den Schutzmantel der Produktivität.
Wenn alles mühelos funktioniert, wird das Nicht-Funktionieren plötzlich interessant. Fehler, Brüche, Abweichungen – sie werden wieder wertvoll. Vielleicht ist das die stille Revolution nach der Revolution: Nicht mehr Effizienz ist knapp, sondern Bedeutung.
Man könnte sagen: Die Zukunft der Arbeit ist das Spiel. Ein freiwilliger Kampf gegen selbstgemachte Hindernisse. Musik, Design, Geschichten – all das sind längst diese neuen Spielformen, die nichts mehr optimieren wollen, sondern erleben. Kunst ist der letzte Rest des Zufalls, den die Welt noch zulässt. Vielleicht wird man in ein paar Jahrzehnten auf unsere Gegenwart zurückblicken wie auf eine Übergangszeit. Eine Epoche zwischen Müssen und Dürfen. Die Maschinen erledigen die Pflicht, wir übernehmen die Möglichkeit. Und dann wird jemand – nennen wir ihn einen Kommunikationsdesigner oder Musiker aus Süddeutschland in einem stillen Atelier sitzen und Figuren erfinden, kleine Hasen aus Kuhfell, sprechende Kängurus oder Mischwesen aus Katze und Hund. Nicht, weil er muss. Sondern, weil er kann. Das wird die eigentliche Arbeit der Zukunft sein: Das freie Erfinden. Das Denken ohne Auftrag. Das Spielen als ernsthafte Form des Daseins. Vielleicht ist das Ziel der Technik nie gewesen, uns überflüssig zu machen. Vielleicht wollte sie uns einfach nur befreien. Von der Angst, nicht genug zu sein. Von der Pflicht, nützlich zu sein. Damit wir endlich wieder tun, was wir am besten konnten:
träumen, basteln, zweifeln, erzählen.
Denn nach dem Ende der Arbeit beginnt vielleicht zum ersten Mal das Leben.