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Technik/Design/Kommunikation

Zukunft hat Moos angesetzt

By November 17, 2025Dezember 18th, 2025No Comments

I. Damals, als Zukunft noch weiß war

Es gab einmal eine Zukunft, die nach Plastik roch. Sie war glatt, makellos und aufgeräumt, eine Zukunft in Weiß, in der man in Rollkragenpullovern in Räumen stand, die „Spaces“ hießen, und glaubte, der Fortschritt hätte einen Putzfimmel. Man sprach von der Ästhetik des Morgen, aber gemeint war eigentlich die Angst vor Flecken. Alles war steril, symmetrisch, klinisch

– Apple, Braun, Dieter Rams, Kubricks 2001: Odyssee im Weltraum.

Die Menschheit hatte sich selbst als Laborprojekt erfunden, und das Labor war aus Aluminium. „Less but perfect“ war das Gebot, und wer keine Fingerabdrücke hinterließ, galt als guter Mensch. Die Zukunft war sauber, leise und etwas unheimlich, wie ein Operationssaal, in dem man vergessen hatte, warum man überhaupt hineingegangen war.

II. Heute ist Zukunft wieder barfuß

Doch inzwischen hat die Zukunft die Schuhe ausgezogen. Sie steht barfuß auf Moos, trinkt Hafermilch und trägt Jeans, die aus Bananenfasern sind. Sie weiß, dass Perfektion nichts bringt, wenn der Planet dabei kollabiert. Pharrell Williams entwirft für Louis Vuitton Kleidung, die nach recyceltem Luxus aussieht. Virgil Abloh hat Dekonstruktion zum guten Ton gemacht, und in Kopenhagen baut Bjarke Ingels Häuser, die wirken, als hätten sie ein eigenes Immunsystem.

Die Zukunft, das ist jetzt Organic Future – oder, wenn man es akademischer mag, Post-Digital Humanism. Sie will nichts mehr abschaffen. Sie will verbinden: Erde und Chip, Hand und Algorithmus, Technologie und Gefühl. Man kann sagen, die Zukunft hat beschlossen, nicht länger so zu tun, als sei sie sauber.

III. Die Zukunft riecht nach Erde

Wer heute durch eine Galerie, ein Modeatelier oder ein Designstudio geht, riecht plötzlich wieder Holz, Ton und Staub. Nicht, weil die Putzfrau gestreikt hätte, sondern weil Textur zurück ist. Was früher Glanz war, ist heute Struktur. Was früher Hightech war, ist jetzt Handwerk mit Stromanschluss. Nike nennt seine Linie „ISPA“, Aesop verkauft nicht Seife, sondern sinnliche Verantwortung, und selbst Google hat gemerkt, dass matte Farben ein bisschen weniger nach Weltuntergang aussehen. „Wir bauen keine Maschinen mehr – wir bauen Ökosysteme“, lautet das neue Credo. Designer wollen nicht mehr die Zukunft erfinden, sie wollen sie pflegen.

IV. Der Mensch als Material

Was also ist passiert? Vielleicht das: Wir haben begriffen, dass wir selbst das Material sind, aus dem Zukunft entsteht. Wir haben die Nase voll von glatten Bildschirmen und suchen nach etwas, das antwortet, wenn man es berührt. Nach Oberflächen, die nicht nur zeigen, sondern erzählen. Die neue Zukunft ist nicht digital gegen analog, sondern digital und analog zugleich. Sie ist nicht perfekt, aber sie hat eine Haltung. Sie will nicht beeindrucken, sondern beruhigen.

V. Die neue Ästhetik: sanft, klug, unaufgeregt

Es ist der Ton, der sich verändert hat. Früher wollte alles „smart“ sein, heute lieber „sinnvoll“. Das Wort „Innovation“ ist müde geworden, es trägt jetzt Wollsocken und redet über Kreislaufwirtschaft. Statt um Beschleunigung geht es um Balance, statt um Effizienz um Nähe.

Ein neues Vokabular taucht auf: Tactile Intelligence, Soft Machines, Bio-TechMinimalism. Wörter, die so klingen, als kämen sie aus einem Labor im Wald. Die Gestalter dieser Generation – von Lemaire bis Studio Drift, von Pangaia bis ACRONYM – sprechen über Zukunft, als handle es sich um eine Zimmerpflanze:

etwas, das Licht, Pflege und Ruhe braucht, aber auf seine Weise wächst.

VI. Warum das schön ist

Das Schöne an dieser neuen Zukunft ist, dass sie nicht mehr vorgibt, uns zu erlösen. Sie will einfach mit uns leben. Nach Jahrzehnten voller Maschinenfantasien kehrt die Zukunft zu uns zurück – menschlich, weich, ein bisschen müde vielleicht, aber voller Hoffnung, dass wir diesmal den Schalter nicht wieder einfach umlegen.

 

VII. Studio Marco sagt: Zukunft darf wieder Erde meinen

Zukunft ist kein Stil, sie ist ein Verhalten. Und vielleicht ist sie genau dann gelungen, wenn sie sich nicht mehr wie Zukunft anfühlt, sondern wie Zuhause.

„Gestaltung, die Zukunft meint, muss auch Erde meinen.“

Das könnte ein Satz sein, der im Murnauer Moos entstanden ist – bei einer Tasse Kaffee, während jemand barfuß über feuchten Boden läuft und sagt:

„So fühlt sich Fortschritt an.“

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